Geschichtsunterricht mit Zeitzeugin
„Sag niemals, das ist dein letzter Weg“

Tamar Dreifuss berichtet vom Holocaust in Wilna, den sie überlebte.

 

 

Anlässlich des Tages des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus besuchte Tamar Dreifuss am 30.01.2009 die Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen der Realschule I. „Wir müssen wachsam sein, die Fehler dürfen sich nicht wiederholen.“ Unter diesem Motto las sie aus dem autobiographischen Roman ihrer Mutter Jetta Shapiro und ergänzte die vorgelesenen Passagen des Romans mit eigenen Kindheitserinnerungen.

 

Tamar Dreifuss, am 5.3.1938 in Wilna geboren, überlebte mit ihrer Mutter den Holocaust in Litauen. Sie ist nicht nur Vortragende, sondern hat die schrecklichen Ereignisse miterlebt, sie ist eine echte Zeitzeugin. Das fesselte auch die Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen, die gebannt ihrem Vortrag lauschten.

 

Frau Dreifuss berichtete zunächst von ihrem Leben in Wilna bis zur Vertreibung durch die sowjetischen Besatzer. Im Herbst 1940 beschlagnahmten die Sowjets ihre Wohnung und so kamen sie und ihre Familie auf Umwegen nach Ponar in der Nähe von Wilna. Dort wurden sie Zeugen des deutschen Einmarsches und der willkürlichen Ermordung vieler Wilnaer Juden, Männer, Frauen und Kindern. Ihr Kampf ums Überleben begann: Flucht aus Ponar, Versteck in einem Kloster, Transport ins Wilnaer Ghetto. Mit der Auflösung des Ghettos zerbrach die Familie. Der Vater kam ins KZ, die Mutter konnte mit Tamar flüchten. Sie wanderten von Ort zu Ort und gaben sich als Nichtjuden aus. Ihre Mutter nahm jede noch so harte Arbeit an, um ihr Kind durchzubringen. „Meine Mutter sah ‚arisch’ aus, blonde Haare und blaue Augen“, sagte sie. „Vielleicht hat uns das das Leben gerettet.“

 

Tamar Dreifuss unterstrich Ihren Vortrag mit Ausschnitten aus jüdischen Liedern und Bildern und ließ so das Grauen der nationalsozialistischen Willkür und Verfolgung lebendig werden.

 

In der anschließenden Diskussion mit den Schülerinnen und Schülern kam deren große Betroffenheit zum Ausdruck. „Was ist mit ihrem Vater passiert?“ fragte eine Schülerin. Viele interessierten sich für das Alltagsleben im Ghetto, konnten sich nicht vorstellen, dass es eingezäunt und abgesperrt war. Ob Deutsche auch geholfen hätten, wollten einige Schülerinnen und Schüler ebenfalls wissen und erfuhren, dass es diese Helfer und Helferinnen, z.B. die Nonnen des Klosters gab, diese sich aber damit selbst in höchste Lebensgefahr begaben.

 

Wie sie sich gefühlt habe, als sie wusste, dass der Krieg beendet war und wie es sei, wenn sie jetzt diese Erlebnisse wieder vorlese, fragten andere Schüler. Frau Dreifuss antwortete, dass beim Vorlesen vieles wieder hochkomme, da sie zwar sehr jung war, sich aber doch an vieles erinnern könne.

 

Auf die Frage, warum sie nach ihrer Auswanderung nach Israel nach Deutschland zurückgekehrt sei, antwortete sie, dass ihr Aufenthalt dort zunächst nur kurz sein sollte, dann sei sie doch geblieben. Sie sehe ihre Aufgabe darin, die Erinnerungen an das Geschehene wach zu halten und an Jugendliche weiterzugeben.

 

Gerade ihre persönlichen Erfahrungen machten ihren Vortrag für die Schülerinnen und Schüler so wertvoll. Eine authentische Quelle ist etwas anderes als Filme oder Informationstexte zum Holocaust, mit denen sich die Schüler im Geschichtsunterricht beschäftigt hatten. „Es macht einen persönlich betroffen, denn Frau Dreifuss ist dabei gewesen und hat das Schreckliche miterlebt“, waren sich viele Schüler einig. Das ist etwas ganz anderes – lebendiger Geschichtsunterricht eben.

G.G. 01/2009