Das schaff ich locker, damit habe Ich doch kein Problem!

 

Schauspieler Dirk Wittke spielt einen Alkoholabhängigen

 

  


   

 „Flasche leer“ – hieß es am Montagmorgen in der Realschule I, zumindest in den Klassen 8c und 8d, einer ungewöhnlichen Theaterpremiere am frühen Morgen.

   

Die Klassentür geht auf, David Aschinger torkelt ins Klassenzimmer. Der Schauspieler soll das Stück mit dem Titel „Flasche leer“ aufführen. Er hält als Requisite eine Plastikflasche in der Hand, in der sich gemäß den Theaterkonventionen als Whisky-Ersatz schwarzer Tee befinden soll.
   

 Seine mehr als begehrlichen Blicke auf das „Requisit“ lassen die Schülerinnen und Schüler bald am Whisky–Ersatz zweifeln.

 

Er erzählt von seiner Rolle, die er in dem Stück spielt: Knut, ein Alkoholiker. Er versichert, dass er gleich mit dem Stück beginnen werde, spricht aber statt dessen über seine eigenen Erfahrungen mit dem Alkohol, mal als Knut, mal als er selbst: die Geschichte einer rasanten Trinkerkarriere.   

   
Die Schülerinnen und Schüler hören gespannt zu, lachen hin und wieder, denn Aschinger beginnt, nachdem er am Anfang noch beteuert hat, er wolle heute keinen Schluck trinken, systematisch seine Flasche zu leeren.

   
Seine Bewegungen werden immer ungelenker und am Ende ist er für alle erkennbar betrunken. Kein Zweifel mehr über den tatsächlichen Inhalt der Flasche: Alkohol, Whisky.

  

Dirk Wittke, Schauspieler und Theaterpädagoge vom Pisak-Theater Bielefeld, lässt sie in seiner Aufführung des Ein-Personen-Stücks von Thilo Reffert schon bald ahnen, dass sie das Theaterspiel nie zu sehen bekommen werden.

Sie sind schon mitten drin „im Stück“,
 konfrontiert mit den Verdrängungsmechanismen
eines Alkoholsüchtigen.
   

   
Wittke spielte seine Rolle der bewegten Trinkerbiographie so überzeugend, dass die Schülerinnen und Schüler ehrlich überrascht waren, als er das Klassenzimmer zur anschließenden Diskussion über das Stück wieder völlig nüchtern betritt. 
   
Begeistert, aber auch schockiert von der realistischen Darstellung sagt eine Schülerin: „Ich finde es erschreckend, wie Aschinger sich selbst betrügt.“ Ein anderer: „ Erschreckend, wie schnell man süchtig werden kann, und wie tief man sinken kann.“ Die Schülerinnen und Schüler nehmen die Verdrängungsmechanismen des Alkoholikers Aschinger eindringlich wahr, wenn er behauptet: „ Das schaff ich locker, ist doch kein Problem, ich hab den Alkohol im Griff.“
   
Sie sind nachdenklich, erinnern sich an Situationen wie auf Partys, auf denen Alkoholkonsum häufig Normalität ist.

 

 

Das Stück hat ihnen erfolgreich das Problem des steigenden Alkoholkonsums bei Jugendlichen, der immer früher einsetzt, vor Augen geführt und belohnt so die Vorarbeit des Jugendbeauftragten Michael Tölke vom Kommissariat Vorbeugung und Dietrich Höcker von der Drogenberatung Lippe, die ermöglicht haben, dass dieses Projekt in einigen Detmolder Schulen aufgeführt wird. Bei der Sparkasse Detmold und der Dr. Ritter-Stiftung fanden die beiden spontan Unterstützung, denn diese Sponsoren übernahmen die Finanzierung der ersten zehn Startmodule des Stückes.

 

Dirk Wittke führt seine aufrüttelnde Geschichte einer Trinkerkarriere in den nächsten Wochen noch an vier weiteren Schulen in Detmold auf. „Wir möchten die Kinder berühren, sie für eine Unterrichtsstunde verzaubern und sie zum Weiter-Denken-Fühlen anregen“, heißt es im Konzept des PISAK Theaters.
   
Wie wahr und wohl gelungen an diesem Premierenvormittag.
   

Schülerinnen und Schüler bei der anschließenden Diskussion